Zur Einstimmung in das Thema überraschte Dr.Martin Herold das Publikum mit einigen Bildern, die als optische Täuschungen mehrere Sichtweisen zulassen. So läßt sich feststellen: Jeder Mensch sieht die Welt mit anderen, nämlich seinen Augen. Wie man die Dinge sieht, ist eine Frage der Perspektive.  Wirklichkeit und Realität sind verschiedene Begriffe: Wirklichkeit nennen wir die „Welt, wie wir sie sehen können), die wir individuell wahrnehmen und interpretieren.“ Realität ist „Die Welt da draußen.“ (Definition nach Humberto Maturana) „Es ist die Welt, wie sie ist – die Summe der Naturphänomene, egal ob wir sie beschreiben können oder nicht.“
Mit den modernen Bild gebenden Verfahren – z.B. der MRT = Magnetresonanz-Tomographie – lassen sich Aktivitäten im Gehirn vor, beim und nach dem Lernen lokalisieren und mit Erkenntnissen der Hirnforschung an kranken Patienten und gesunden Personen in Zusammenhang bringen.
In Verbindung mit der Lernpsychologie zeigt sich, dass das Gehirn beim Lernen immer versucht, bereits bekannte Strukturen wiederzuerkennen.
 
 
 
 Auch Glauben wird gelernt. Für ein Kind kann eine Geschichte wie die vom Weihnachtsmann durchaus eine Wirklichkeit darstellen, auch wenn es später im Leben lernt, dass der nichts mit der Realität zu tun hat. Früher unerklärliche und mit Angst besetzte Phänomene – z.B. Nordlicht oder Blitz und Donner – können
zwar heute naturwissenschaftlich erklärt werden. Aber Lernen im Leben ist oft auch ein mit starken
Emotionen verbundener Prozess. Das zeigt sich u.a. bei Samuel Koch, der ein Jahr nach seinem Unfall bei
„Wetten dass?“ sagen konnte: „Ich habe gelernt, an Gott zu glauben“
 
 
Die Lernwissenschaften – Pädagogik, Psychologie, Neurowissenschaften – zeigen:
Lernen ist Konstruktion. Meine Welt ist meine Konstruktion.
Ein menschliches Gehirn entwickelt sich vom Stammhirn zum Denk-Hirn. Im Gegensatz zu Tieren verfügt
das menschliche Gehirn im Stirnhirn und in den Schläfenlappen über Areale, die es dem Träger desselben
erlauben, über das Woher und Wohin und den Sinn der eigenen Existenz nachzudenken.
Ein Kind hat von Anfang an die Möglichkeit, alles zu lernen. Beim Denken werden Spuren gelegt, die sich
immer tiefer einprägen, je öfter sie benutzt werden. Je älter ein Mensch wird, umso schwerer fällt ihm das Lernen, weil im Gehirn schon viele Spuren vorhanden sind und es am liebsten das lernen will, was es
schon weiß. Oft gebrauchte Spuren machen letztlich das Gedächtnis aus. Auch auf neuronaler Ebene läßt
sich das nachweisen: Jede Nervenzelle (Neuron) ist mit vielen anderen verbunden. Über die nur
mikroskopisch kleinen Kontaktstellen (Synapsen) werden Botenstoffe und Impulse übertragen, die das
nächste Neuron aktiviert. Man kann beobachten, dass Synapsen, die häufiger verwendet werden, immer
größer werden, während andere, die selten Impulse weiterleiten, allmählich verkümmern.
Jede Körperregion wird im Hirn repräsentiert, aber sehr unterschiedlich. So belegen die Fingerspitzen eine
wesentlich größere Region als der Rücken. Veranschaulichen kann man dies durch die Darstellung als
Homunculus nach Wilder Penfield.

 

Das meiste, was sich im Gehirn abspielt (über 80% aller Aktivitäten), wird uns nicht bewusst. Das Gehirn
organisiert sich weitgehend selbst. Dort entscheidet sich, was gelernt wird und was nicht, je nachdem,
welche Emotionen damit verbunden werden. Bei besonders starken Emotionen spricht man von einem
Lern-Turbo.
Durch Interaktion mit anderen Menschen wird sehr intensiv gelernt. Durch Kommunikation, gemeinsames
Reden und „Gedankenaustausch“ entsteht eine gemeinsame Konstruktion. Das gilt auch für den Glauben.
Jeder Mensch kann jeden Glauben lernen, vor allem durch die Prägung in der Kindheit; später im Leben kann er vielleicht auch umlernen. Wirklichkeit ist nie statisch, sondern veränderlich. So kann sich der
Glaube auch ständig weiterentwickeln. Schicksalsschläge mit starker emotionalen Betroffenheit können
den Lernfortschritt beschleunigen: Entweder festigt sich der Glaube oder man verliert ihn, jedenfalls wird er
auf die Probe gestellt. Danach hat man dazugelernt und ist vielleicht klüger oder weiser. Immer wieder
müssen wir noch hie und da Glaubensinhalte umlernen. Vielleicht müssen wir auch neue dazulernen.

 

  Möglich ist das. Glauben will gelernt sein.