Orgelfahrt mit Superlativen

Weiteste und längste Orgelfahrt - Größte Orgel - Älteste Orgel

Die 5. Orgelfahrt am 3. Oktober 2008, die der Orgelsachverständige Andreas Ostheimer für das Forum Fasanenhof organisiert hatte, führte uns weiter fort als die vier vorangegangenen.

Pünktlich um 10 Uhr waren alle 14 Teilnehmer in unserer Kirche in Heidenheim eingetroffen, sodass Andreas Ostheimer gleich beginnen konnte, einiges aus der Geschichte der zurzeit größten rein mechanischen Orgel in der NAK Gebietskirche Süddeutschland zu berichten.

Nachdem das vorhergehende Instrument starke Mängel aufwies, wurde es 2006 durch die Orgelbaufirma Andreas Offner neu aufgebaut.

4192008-10-03 Bild 1  Heidenheim Totale_200.jpg Der Orgelprospekt wirkt durch die vielen glänzenden Metallpfeifen sehr strahlend, die Holzpfeifen befinden sich dahinter, sind aber durch die Lücken der Prospektpfeifen schön zu erkennen.

Gekrönt wird der Anblick durch das etwas nach hinten versetzte Schwellwerk mit seinen Glaslamellen. Hier fallen die Salicional-Pfeifen durch die glänzende Kupferabdeckung auf.

Die Orgel besitzt 28 klingende Register, verteilt auf drei Orgelwerke – Hauptwerk, Schwellwerk und Pedalwerk – und wird von drei Manualen und dem Pedal gespielt.
Als Spielhilfen dienen drei Koppeln.

4482008-10-03 Bild 2  Heidenheim Spieltisch_200.jpgAndreas Ostheimer führte uns die einzelnen Register nacheinander und dann im Zusammenklang vor. Die überwiegend grundtönige Disposition der Orgel ist ideal, um romantische Werke aufzuführen.

Anschließend nahmen wir uns Zeit, ihm und dem anwesenden Orgelbauer intensiv Fragen zu stellen. So konnte uns beispielsweise die bautechnischen Besonderheit der bereits erwähnten, recht selten anzutreffenden „spanisch gekröpften“ Salicional-Pfeife veranschaulicht werden, indem sie der Orgelbaumeister aus dem Schwellwerk holte und vor unseren Augen zerlegte: Um die Baulänge zu halbieren, befindet sich im Innern der offenen Pfeife ein umgekehrt eingeschobenes Resonanzrohr, das den Grundton wie bei einer gedackten Pfeife um eine Oktave erniedrigt.

Leider ist die Akustik in der Kirche Heidenheim sehr trocken, sodass selbst nach dem Spiel mit vollem Werk kaum ein Nachhall wahrzunehmen ist.

4592008-10-03 Bild 3  Sontheim_200.jpg In der NAK Sontheim/Brenz erwartete uns ein Kleinod des Orgelbaus: Eine historische Orgel aus England mit einer für die kleine Kirche idealen Disposition von nur fünf Registern und zwei Koppeln.

Da sie um 1911-1914 gebaut worden war, ist sie derzeit die älteste Orgel in der Gebietskirche. Nach der Restaurierung durch Orgelbau Oppel in Schmallenberg erklang sie zur Einweihung des Kirchen-Neubaus der Gemeinde am 8.Juni 2008. Orgelbaumeister Stephan Oppel erklärte den Interessierten die Details der Restaurierung.

Auf der Orgel lässt es sich sehr zart im Piano spielen, andererseits entwickelt sie bei vollem Werk einen volltönenden Klang. Ein Schwellwerk mit liegenden Lamellen ermöglicht es, einige Register piano und forte zu spielen.

Da die Orgel nicht gleichschwebend gestimmt ist, klingen die Tonarten mit wenigen Vorzeichen (Neues Gesangbuch) ziemlich rein, harmonisch weiter entfernte Tonarten aber recht scharf.

Der Reiz des Instrumentes liegt auch am äußeren Erscheinungsbild: Der Prospekt wird beherrscht durch weiße Pfeifen mit vergoldetem Labium.

4802008-10-03 Bild 4  Obermedlingen Orgelprospekt_200.jpgVor dem Mittagessen konnten wir noch kurz die prächtige pneumatische Orgel der barocken Stiftskirche Obermedlingen besichtigen.

Auch diese Orgel wurde durch die Orgelbaufirma Andreas Offner aufwändig saniert und 2008 wieder in Betrieb genommen.

Andreas Ostheimer demonstrierte uns den Klangreichtum des Instruments.

4942008-10-03 Bild 5  Obermedlingen Spieltisch_200.jpg

Nach dem zünftigen Mittagessen in einem bayrischen Landgasthaus besuchten wir das Kloster Wettenhausen. Orgelbaumeister Andreas Offner erläuterte uns die Geschichte der großen pneumatischen Orgel: 1901 hatte sie der Orgelbauer Franz Borgias März als Ersatz für eine damals nicht mehr brauchbare mechanische Orgel eingebaut. Da diese Orgel aber ursprünglich für den Münchner Dom bestimmt gewesen war, war sie für das Orgelgehäuse in Wettenhausen viel zu groß. Deswegen hatte Franz Borgias März dann den hinteren Teil des Orgelgehäuses aufgeschnitten und zersägt. Seit dem Jahr 2000 wurde über eine Rekonstruktion nachgedacht. Da aber nicht genügend Geld zur Verfügung stand, durfte Andreas Offner bis 2006 die Orgel nur als pneumatisch betriebenes Kegelladenwerk restaurieren.

5082008-10-03 Bild 6  Wettenhausen Orgelwerk_200.jpg 5202008-10-03 Bild 7  Wettenhausen Zungenregister_200.jpg 5392008-10-03 Bild 8  Wettenhausen Organisten_200.jpg

Ein Rückbau zur ursprünglichen mechanischen Traktur wäre zu teuer gekommen.

Letzte und die für viele interessanteste Station war die Besichtigung der Orgelbaufirma Andreas Offner in Kissing bei Augsburg.

5502008-10-03 Bild 9  Andreas Offner_200.jpgDas Familienunternehmen wird seit 1828 in der siebten Generation erfolgreich geführt. Beeindruckend waren vor allem die modernen (sehr teuren) Präzisionsmaschinen zur Holzbearbeitung zu sehen. Heutige mechanische Orgel-Trakturen sind deshalb so leicht spielbar, weil leichtgängige Umlenk-Elemente verwendet werden können, in denen auch spezielle neuartige Materialien mit geringer Reibung eingesetzt werden, von denen frühere Orgelbauer nicht einmal träumen konnten.

Nach diesen vielen Eindrücken fiel es uns schwer, zur Heimfahrt aufzubrechen. Zwei Stunden später als geplant kamen wir nach Hause. Es war also auch die bisher längste Orgelfahrt