Wissenschaft und Glaube betrachten die Realität unter unterschiedlichen Blickwinkeln. Beide haben verschiedene Gültigkeitsbereiche und können sich weder gegenseitig beweisen noch widerlegen. (siehe auch Verlautbarung der NAK von 2004). Von diesem Standpunkt ausgehend können die wissenschaftlichen Befunde zur Entwicklung des Lebens ohne Konflikte mit den biblischen Schöpfungsberichten mit der Evolutionstheorie immer besser verstanden werden.

Dieses Erklärungsmodell - von Charles Darwin bereits 1859 formuliert - hat sich nun schon über 150 Jahre bewährt, nicht zuletzt durch die Forschungsergebnisse der Genforschung in den letzten Jahrzehnten. Wie Dr. Hans-Martin Bosch in seinem zweiten Vortrag ausführte kann es Beweise im strengen Sinn in einer historischen Wissenschaft wie der Paläontologie nicht geben. Diese Wissenschaft stützt sich auf die Vielzahl von Einzelbefunden und Sachverhalten, die starke Evidenzen darstellen, d.h. Hinweise auf recht wahrscheinliche Szenarien, womit die Geschichte des Lebens rekonstruiert und Abläufe erklärt werden.

Solche Evidenzen findet man z.B. beim Vergleich der Gliedmaßen von Wirbeltieren, der geografischen Verteilung bestimmter Arten und in vielen anderen Gebieten der Biologie. Auch die Entwicklung lichtempfindlicher Zellen zu den hoch komplexen Augen der Wirbeltiere oder der Insekten ist inzwischen mit der Evolutionstheorie gut zu erklären, trotz aller Einwände mancher Kreationisten.

Zwar gibt es am Anfang der Evolution des Lebens, nämlich bei seiner Entstehung durch abiotische, chemische Evolution noch viele Erklärungs-Lücken, weil hier Fossilien fehlen. Die Modellversuche von Stanley Miller („Ursuppe“, 1953) und vieler weiterer Forscher zeigen aber, dass sich unter den Bedingungen der Uratmosphäre der Erde auch schon vor über 3 Milliarden Jahren aus anorganischen Stoffen Moleküle gebildet haben können, die zum Aufbau lebender Strukturen notwendig sind. Vieler dieser Moleküle kann man auch im Weltall nachweisen. Manfred Eigen entwickelte 1971 die Theorie, dass sich der Stoffwechsel noch ohne lebende Zellen in „Hyperzyklen“ entwickelt habe.

Die Bildung erster einfacher Zellstrukturen kann man sich auch in der Tiefsee vorstellen an so genannten „Schwarze Rauchern“, wo Gase vulkanischen Ursprungs noch heute die notwendige Energie zu Leben liefern.

Jedenfalls hätte sich die Evolution nicht zwangsläufig so abspielen müssen, wie wir sie vorfinden; immer wieder gab es Ereignisse, die sehr unwahrscheinlich sind. Mit aller Vorsicht könnte man sie als „natürliche Wunder“ bezeichnen nach einer Definition eines christlichen Mathematikers Rohrbach: „Wunder sind statistisch seltene Ereignisse“.

Andererseits ist festzuhalten, dass alle Lebensvorgänge der Erde auf molekularer Ebene und in den Zellen nach sehr ähnlichen Prinzipien ablaufen. Demnach sind auch wir als Menschen mit allen Lebewesen verwandt, auch mit den einfachsten, den Bakterien. Ohne sie könnten wir auch nicht existieren: Beispielsweise brauchen wir geeignete Darmbakterien zur Verdauung unserer Nahrungsmittel. Ja, im Laufe der Evolution haben einfachste Zellen Bakterienzellen ins Zellinnere aufgenommen und ihre Stoffwechseleigenschaften in einer fruchtbaren Symbiose ausgenützt. So entstanden dann die komplexeren Zellen der Pflanzen und Tiere.

Die Abstammung der Lebewesen wurden bis vor Kurzem in „Stammbäumen“ dargestellt; weil man heute weiß, dass dies zu einfach ist, konstruiert man besser „Stammbüsche“ und sogenannte „Kladogramme“, deren Verzweigungspunkte genau definiert werden und die alle bekannten Nachkommenarten einer gemeinsamen Vorfahrenart enthalten sollen. Die Entwicklung von einfachen Lebewesen zu den komplizierteren wird heute auch nicht mehr als „Höherentwicklung“ betrachtet mit dem Menschen an der Spitze. Das wäre eine unwissenschaftliche Deutung. Der Mensch verursacht immerhin das größte Artensterben, das es je gab!

Fossil besser überliefert als in den frühen Zeiten ist die Entwicklung des Lebens seit etwa 530 Millionen Jahren von einfachen Fischen bis zu den Säugern und dem Menschen. Unsere wahrscheinliche Entwicklungslinie wurde durch zahlreiche Bilder veranschaulicht, die dann beim Homo sapiens endete, der einzigen überlebenden Art der Gattung Homo. Interessierten wurde der Besuch des Senckenberg-Museums in Frankfurt/M. empfohlen, insbesondere dessen Sonderausstellung „Safari zum Urmenschen“.

Zum Schluss seines Vortrag wies Dr. Bosch auf zahlreiche bedeutende Naturwissenschaftler der letzten Jahrhunderte bis in die Gegenwart hin, die nicht nur keinen unüberbrückbaren Konflikt zwischen ihrer wissenschaftlichen Arbeit und ihrem Glauben sahen, sondern als gläubige Christen gelten können.

Der nächste Vortrag der Reihe „Wissenschaft und Glaube“ findet am 9.März statt: Die Katholische Theologin Cornelia Hosp zeigt am „Fall Galilei“, wie heute das Weltbild der modernen Naturwissenschaft für Christen stimmig gedeutet werden kann
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