Der Markt der Esoterik boomt zurzeit. Zu diesem Thema werden immer mehr Bücher und Kurse angeboten.

Viele Menschen empfinden unsere Zeit in einer immer komplexer erscheinenden Welt als sehr unsicher

und suchen deshalb nach Orientierung. Den Sinn ihres Lebens glauben sie in verschiedenen Formen
der Esoterik zu finden.
Prof. Joachim Sommer lehrt an der Fachhochschule Schwäbisch Hall und beschäftigt sich seit Jahren
mit Grenzfragen zwischen Naturwissenschaft, Esoterik und Religion.

Esoteriker glauben einfache Lösungen auf die Fragen der Zeit gefunden zu haben.
Dagegen verlangen die Naturwissenschaften, aber auch die Theologie intensive und mühsame Studien,
um auf die gestellten Fragen Antworten zu finden. Um „Pseudoesoterik“ handelt es sich,
wenn naturwissenschaftliche Begriffe – z.B. Feld oder Energie – falsch verstanden und dazu missbraucht werden,
um auch übernatürliche Phänomene vermeintlich wissenschaftlich zu beschreiben.

 


Nur einige Beispiele: Astrologie, Kreationismus, Homöopathie, Erdstrahlen und Wünschelrute,
Telepathie und Telekinese, Ufologie, Hohlweltlehre, Anthroposophie. Man muss feststellen,
dass "offensichtlicher Unsinn" gar nicht so leicht zu widerlegen ist.
Die moderne Quantentheorie ist an sich schon sehr unanschaulich. Die dort verwendeten Begriffe
– beispielsweise Neutrinos – geben oft Anlass zu großem spirituellem Ehrgeiz, sie in
esoterische Phantasien umzuformen.


Anhand einer BILD-Schlagzeile „Alle Horoskope falsch?" zeigte der Referent (siehe Bild),
dass Astrologie von vielen Menschen heute nicht als Aberglaube angesehen wird, sondern als eine Wissenschaft,
die durch vermeintlich neue astronomische Erkenntnisse erschüttert werden könnten.
Astrologie und Astronomie verwenden zwar die gleichen Namen für Sternbilder und Planeten,
haben aber sonst nichts miteinander zu tun.


„Glauben ist Nicht-Wissen“ ist seit dem 19.Jahrhundert ein geflügeltes Wort geworden insbesondere
nach den enormen Erfolgen der Naturwissenschaften und der Technik.
Für den französischen Mathematiker Laplace war die „Hypothese Gott“ unnötig.


Die heutigen naturwissenschaftlichen Lehrbücher machen allerdings den Eindruck,
die dort beschriebenen Naturgesetze seien eindeutig bewiesen und damit wahr.
Wer aber die Entstehungsgeschichte dieser Naturbeschreibungen genauer betrachtet,
sieht an vielen Beispielen, dass die Wissenschaftler oft lange miteinander diskutieren und sich
manchmal komplizierte Experimente ausdenken müssen, bis eine bestimmte Beschreibungen
der Naturphänomene von der Mehrzahl der Fachkollegen akzeptiert werden. Letztlich können nur
diejenigen Theorien bestehen, die durch Experimente oder Beobachtungen bestätigt werden.
Auch mathematisch streng formulierte Theorien müssen sich in der Praxis bewähren.
Sie gelten auch nur so lange, bis sie falsifiziert werden. Neue Theorien entwickeln sich meist dann,
wenn die bisherigen manche Fragen nicht beantworten können. Die Ideen dazu können aber
nicht der Natur abgelauscht werden, sondern kommen den Forschern häufig durch Intuition.


Es bleibt bei der Gratwanderung zwischen Wissen und Glauben nur das Vertrauen auf
den "gesunden Menschenverstand" und eine gehörige Skepsis.
Auch in Internet findet man viele esoterische Seiten, die man kritisch hinterfragen sollte:
Wer hat das wann geschrieben? Gibt es Gegenpositionen dazu? Welche Quellenangaben und
weiterführende Literatur werden genannt? Diese Arbeit ist zwar mühsam und kostet viel Zeit,
weitet aber auch den eigenen Horizont.
Ähnlich wie das die Naturwissenschaften ständig tun, sollten auch die Religionen Ihre
Interpretation der Heiligen Schriften im Laufe der Zeit an neue Erkenntnisse anpassen in dem Sinne:
"Man kann die Bibel ernst nehmen oder man kann sie wörtlich nehmen" (Pinchas Lapide)