Prof. Dr. Urs Baumann (1977 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2006 Mitglied des wissenschaftlichen Stabes des Instituts für ökumenische Forschung der Universität Tübingen) befasst sich seit geraumer Zeit mit Grenzfragen zwischen Naturwissenschaft und Theologie.

  Er stellte zunächst klar, dass Religion in der Geschichte des Menschen genauso vorkommt wie Technik, Naturwissenschaft, Mathematik und Philosophie. Offensichtlich ist es Menschen ein tiefes Bedürfnis, seine eigenen Grenzen zu erfahren und zu überschreiten. Transzendenz und Religion bestimmt also das menschliche Denken genauso wie nüchternes Kalkulieren.

Allerdings führen Religionskritiker wie Richard Dawkins, Stephen Hawking, Edward Kahl, Karlheinz Deschner und andere  immer wieder ins Feld, dass im Namen der Religion schlimme Verbrechen stattgefunden haben. Wozu sei also Religion überhaupt gut? Baumann wandte ein, dass es eine absolute Vernunft, die nur Gutes hervorbringt, nicht gibt. Auch der Glaube an die Vernunft sei nicht beweisbar und der Missbrauch von Religion nicht identisch mit ihrer Botschaft. 

Der Wissenschaftsglaube, wonach nur existiert, was sich empirisch nachweisen lässt, ist sich seiner methodischen Grenzen nicht bewusst. Jede Wissenschaft braucht Vorannahmen und Axiome; jede Frage, die man stellt, hat bereits einen gewissen Hintergrund.

Einerseits ist die Welt nicht so, wie sie die Physik mittels der Mathematik beschreibt; andrerseits Gott auch  nicht so, wie ihn die Theologie beschreibt. Alles ist Interpretation.

 

Im zweiten Teil seines Vortrags setzte sich Prof. Baumann mit Argumenten der heutigen Hirnforschung auseinander, wonach Religion wohl nur ein Hirngespinst sei. Aber schon die Emotionen, menschlicher Wille, jedes Denken, Sprechen und Handeln sind nicht ausschließlich auf physiologische Reaktionen des Gehirns reduzierbar, sondern es setzt nach Baumann Bewusstsein voraus, ohne das Nachdenken auch über Transzendentes nicht möglich ist. Aber auch die Theologie kann nicht hinter die Kulissen blicken. Auch über Gott können wir nur in Bildern, Metaphern, menschlichen Vergleichen („Gleichnissen“) und Symbolen sprechen. Gottesbilder werden von den einzelnen Religionen unterschiedlich dargestellt.

Wirklichkeit wird erkundet und wahrgenommen, indem wir grundsätzlich unseren Horizont überschreiten. Wir Menschen versuchen immer wieder, über uns selbst hinaus zu denken. Das müssen wir uns immer wieder bewusst machen und dürfen nicht meinen, die Welt sei tatsächlich so, wie sie die Naturwissenschaft beschreibt. Das glauben viele Naturwissenschaftler. Aber auch Theologen merken oft nicht, dass sie nur über ihre Gottesbilder reden, Gott aber so nicht fassen können. Gott selbst bleibt der Ganz-Andere jenseits aller Bilder. Unser Gehirn bildet die Wirklichkeit ab, von dem es sich ein Bild macht. Die Welt, der wir begegnen, ist immer unsere Welt; alles ist Interpretation, es gibt keine strenge Objektivität. Die Wirklichkeit selbst ist schon Transzendenz, d.h. etwas Grenz-Überschreitendes. Die Fähigkeit, Grenzen überschreiten zu können und zu wollen, ist eine typisch menschliche Eigenschaft.

Unser Denken setzt Sprache voraus, und wir sind auf den Dialog mit anderen angewiesen. In unserer Persönlichkeitsentwicklung vom Kleinkind bis ins hohe Alter brauchen wir immer wieder Menschen, die mit uns sprechen und zu denen wir hauptsächlich über die Sprache eine Beziehung aufbauen.

Die moderne Naturwissenschaft hat uns gezeigt:  Objektivierbarkeit ist Konstruktion unseres Gehirns und eine strenge Trennung zwischen Beobachter und Objekt ist nicht möglich

Allerdings muss jeder Mensch selbst entscheiden, wie er damit umgeht

Wie er selbst damit umgeht, hat Prof. Baumann in einem kleinen Buch zusammengefasst:  Christentum – eine Einführung (Fischer Taschenbuch 19261)