"Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab!"
(aus "Reiters Morgenlied", Wilhelm Hauff nach einem schwäbischen Volkslied)

Man verzeihe dem Chronisten den zwar viel zitierten, aber vielleicht etwas makabren Anfang des Berichts. Und dennoch, das Zitat ist wohl bekannt, weil unsere Lebenswirklichkeit und deren vorprogrammiertes sicheres Ende treffend wiedergebend. Der Dichter Wilhelm Hauff war nur eine der bekannten Persönlichkeiten Stuttgarts, deren Grabmale uns an diesem sonnigen Nachmittag gezeigt wurden.


Inzwischen gute Tradition - der Ausschuss "Mitten im Leben" des Vereins "Forum Fasanenhof e. V." organisiert jeweils vor den drei Sonntagen im Jahr, an denen neuapostolische Christen besonders Verstorbener gedenken, Führungen oder Vorträge, die die Vergänglichkeit menschlichen Lebens bewusst machen.

Etwa 30 Personen waren zum Friedhof gekommen, allerdings zunächst "führerlos", weil der Friedhof mehrere Eingänge hat. Irgendwann hatte man sich zusammengefunden und Herr Baldermann, eine rheinische Frohnatur, präsentierte frohgelaunt und unterhaltsam Schwaben und Zugereisten einen "seiner" vielen Stuttgarter Stadtfriedhöfe, auf dem seit 1951 keine Bestattungen mehr stattfinden und der seit 1961 eine öffentliche Grünanlage ist. Allerdings - Grabsteine als Zeugen früherer Bildhauerkunst und Erinnerung an bekannte Persönlichkeiten, deren Gräber sie einst geziert haben, werden heute von der öffentlichen Denkmalspflege der Stadt Stuttgart als Kleinkulturdenkmale erhalten - eine Aufgabe, die unserem Führer, Bildhauer und Betriebswirt, obliegt.

Der Friedhof - 1626 angelegt - ein Ar Fläche zur Bestattung von Pesttoten, das Gelände seinerzeit vor den Mauern der Stadt gelegen. Der Name - Herrn oder auch Frau Hoppenlau (letzteres ohnehin seinerzeit nicht üblich bei Namensgebungen) hat es nicht gegeben. Dafür Wengerter an den nahe gelegenen Hängen Stuttgarts, die sich in jenen Zeiten fern der Handymanie mittels "lauter Hupen" verständigten, so geht die Vermutung, was die Namensgebung anbetrifft.

Die Grabsteine, überwiegend aus Sandstein, wie unser Führer wusste, schwer zu bearbeiten. Zum einen aus einem Stück gearbeitet, der Sockel reicht bis zu 1.50 Meter ins Erdreich. Und dann, alle Verzierungen, Ziselierungen, Windungen aus dem Stein herausgeschlagen, nichts Aufgesetztes oder gar, wie heute möglich und üblich, Aufgeklebtes. Und wenn der Schlag daneben ging - Schimpf und Schande seitens der Innung und ein großer wirtschaftlicher Verlust bei einer Bearbeitungszeit von zwei bis drei Jahren, wenn man wieder von vorn anfangen musste.

Nach diesen allgemeinen Informationen ging es ins Detail - zu einzelnen Grabsteinen bekannter Persönlichkeiten, die nachstehend nur exemplarisch genannt seien. Wilhelm Hauff, s. o., (1802 - 1827), von dem überliefert ist, dass er, als ganz junger Mensch an einer Infektion sterbend, formulierte "Den Gebeten meiner Mutter danke ich, dass ich dem Tod lächelnd ins Auge sehe". Überhaupt vermochte unser Führer es, mit der Darstellung der jeweiligen Vita und Zitaten der Betreffenden uns deren Leben nahe zu bringen. Der arme C. F. D. Schubart (1739 - 1791), lebenslustig, aber in Zeiten des Feudalismus mit seinen Versen und anderen Veröffentlichungen zu widerborstig und damit ein Opfer despotischer Fürstenlaune, für 10 Jahre auf den Asperg verbannt, den höchsten Berg im Ländle, weil es so lange dauern kann, bis man wieder herunter ist. J. F. Cotta (1764 - 1832), u. a. Goethe wusste ihn als Verleger zu schätzen, A. W. Feuerlein (1781 - 1850),der erste Oberbürgermeister Stuttgarts, natürlich nicht frei gewählt, sondern vom württembergischen Herzog bestimmt, der Bildhauer J. H. von Dannecker (1785 -1841), G. Schwab (1792 - 1850), Theologe und Schriftsteller und, last not least, Emilie Zumsteeg (1796 - 1857), Sängerin, Dirigentin und Komponistin. Sie und viele andere sind auf diesem Friedhof begraben worden und ihre Grabsteine sind, wenn auch nicht mehr am ursprünglichen Platz, erhalten geblieben. Und wenn es nach unserem Führer geht, soll es auch so bleiben - wir nehmen ihm das ab.

Zum Schluss - von 1626 bis 1880 sind auf dem Areal in 700 Gräbern 70 000 Verstorbene bestattet worden, hinzukommen bis 1951 noch Urnenbestattungen. Wie viele Menschen - wie viele Einzelschicksale. Nur von ein paar wenigen wurde an diesem Nachmittag berichtet und das dauerte - vielleicht zum Leidwesen der zwei ganz jungen Teilnehmer, die sich aber tapfer geschlagen haben und von Herrn Baldermann ausdrücklich gelobt wurden - runde 1 ½ Stunden.

Neunzig Minuten, in denen wir viel Neues erfahren und gespürt haben, wie eng Zeitlichkeit und Ewigkeit beieinander liegen, nicht zuletzt vermittelt durch einen nie langweiligen, lebendigen Vortrag eines Menschen, der ganz offensichtlich seinen Beruf liebt.

Vielen Dank, Herr Baldermann und dem Ausschuss "Mitten im Leben".