" Es stand in alten Zeiten ein Schloss, so hoch und hehr;
Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer,

Und rings von duft'gen Gärten ein blütenreicher Kranz,
Drin sprangen frische Brunnen in Regenbogenglanz."
(aus "Des Sängers Fluch", Ludwig Uhland 1787 - 1862)

Die etwa 25 Teilnehmer der Führung bekamen nicht nur ein Schloss, nämlich Schloss und Festung Hohentübingen , höchster Punkt des nachmittäglichen Gangs durch die alte Universitätsstadt, gezeigt.

Der Blick von oben reichte zwar nicht bis ans blaue Meer, wohl aber bis zur Alb auf der einen Seite und zur anderen auf die Tübinger Altstadt bis auf die Höhenzüge dahinter. Brunnen gab es auch, ohne Regenbogenglanz, aber mit viel Sonne und immer wieder schattigen Stellen, an denen Manfred Bayer, in Tübingen geboren und aufgewachsen, stellvertretender Leiter des neuapostolischen Kirchenbezirks Tübingen im Unruhestand, uns in seiner neuen Funktion als Stadtführer über Tübingens Geschichte und Gegenwart informierte. Wer bis dahin gedacht hatte, Tübingen zu kennen, hatte sich getäuscht. M. Bayer wusste wunderbare verborgene Wege über Stäffele, um uns das zu zeigen, was sich dem Besucher nicht sofort erschließt.

Jemand hat mal formuliert, wenn Hamburg zerstört würde, würde als Erstes der Hafen wieder aufgebaut, in Tübingen - die Universität. Letztere 1477 vom Grafen Eberhard im Barte gegründet, nur möglich durch gute, vermutlich familiäre Verbindungen zum Vatikan, veränderte sie das Leben der damals 3.500 ländlichen Einwohner vollständig. Nach den Professoren kamen 300 Studenten dazu, zwei Welten prallten aufeinander, die der schwäbisch Schaffigen und die der aus der Sicht der Ersteren eigentlich zu nichts zu Gebrauchenden. Woraus sich die zahlreichen "Gogenwitze" entwickelten, die Situationen wiedergeben, in denen diese beiden Welten aufeinander stießen. Viele davon erzählte uns M. Bayer, der es fertig brachte, in einer Person beides zu sein, einerseits mit seinen profunden Kenntnissen über die Stadt "Professor", andererseits mit seinem Gespür für die "andere" Seite der verschmitzte Gog.

Der Spaziergang begann auf der 1,5 km langen Platanenallee auf der Neckarinsel, führte uns über die 1485 erstmals in Stein entstandene Neckarbrücke vorbei an der Burse zum Schloss und von da in die Altstadt. Wir gingen an blumengeschmückten Häusern längs der Ammer bzw. deren Kanal, bekamen ihr Sperrwerk erklärt, das sich schon Goethe in seiner Eigenschaft als Bauminister am Weimarer Hof zeigen ließ, als er seinen Verleger Cotta, auch eine bekannte Tübinger Persönlichkeit, besuchte. Von anderem war unser Dichterfürst in Tübingen nicht so begeistert. "..das Viertel der Gärtner und Feldleute zum Ammertal hin...ist äußerst schlecht und bloß notdürftig gebauet und die Straßen sind von dem vielen Mist äußerst unsauber" (Tagebücher, Sept. 1797). Keineswegs anders beschrieb M. Bayer die dort früher herrschenden Zustände.

Was das "früher" anbetrifft: Namen vieler berühmter Tübinger wurden uns genannt, die "unser" Führer mit vielen Zitaten aus ihren Werken lebendig machte. Uhland, eingangs zitiert, sein Denkmal war Treffpunkt der Führung. In Tübingen geboren und dort verstorben, 1848 eine bedeutende Stimme in der Frankfurter Paulskirche, als es darum ging, sich vom Feudalismus zu befreien und eine deutsche Verfassung zu gestalten, für deren Umsetzung letztlich die Zeit noch nicht reif war.

Melanchthon, der in Tübingen studierte und promovierte, neben oder mit Luther der bedeutendste Reformator. Schlegel, Hegel, Hölderlin, Gerok, Hauff, Mörike, Silcher, letzterer hatte 40 Jahre lang den Lehrstuhl für Musik inne. Alles berühmte "Stiftler", Schüler des 1536 gegründeten ev.-theol. Seminars. Friedrich Karl von Gerok, Pfarrer in Böblingen und Prälat in Stuttgart, sind bekannte Texte des Neuapostolischen Gesangbuchs zu verdanken, "Reicher König, Wirt voll Gnaden" und viele mehr.

Weitere Stationen waren das Rathaus mit seiner bis heute funktionierenden astronomischen Uhr aus dem Jahr 1509 und der Bemalung aus dem Jahr 1876, die Graf Eberhard im Barte und viele bekannte Tübinger Künstler und Könner zeigt. Davor der barocke Brunnen, entworfen von Heinrich Schickhardt. Nicht zu vergessen die vielen romantischen Ecken, Innenhöfe, die restaurierten oder im alten Stil neu erbauten, sich von den echt alten nicht unterscheidenden Häuser. Vorbei ging es am Wilhelmstift mit dem noch herzoglichen Wappen, das zeigte, dass das alte Württemberg, vor 1806, auch Provinzen außerhalb seiner heutigen Grenzen hatte, ging es zur Stiftskirche, eigentlich St.-Georgs-Kirche. Stiftskirche, weil sie mit Mitteln des Sindelfinger Chorherrenstifts im 15. Jh. erbaut werden konnte. Die Balkenkonstruktion aus Schwarzwaldholz, die sich unter dem heutigen Gewölbe verbirgt, ist noch die ursprüngliche aus dem Jahr 1480. Der Lettner, der das Kirchenschiff vom Chor, wo sich die Grablege der württembergischen Herzöge befindet, trennt, ist ebenso wie drei kunstvolle Glasfenster an der Stirnseite noch im Original erhalten. Sieben Glocken sind im Betrieb, darunter noch drei ganz alte.

Hier soll der Bericht enden. Der historische Spaziergang ging noch weiter durch den alten Botanischen Garten zur Neuapostolischen Kirche in der Brunsstraße 24. Informationen zu und Bilder von der 1931 geweihten, im Bauhausstil errichteten Kirche mit ihrer romantischen Orgel, beides originalgetreu renoviert bzw. die Orgel neu aufgebaut, finden Sie im Internet unter http://www.tuebingen-nak.de/

Für diesen Nachmittag in Tübingen, das "Universität ist" (Walter Jens, auch ein Zitat unseres Führers), bedanken wir uns bei Sonja Renz vom Ausschuss "Mitten im Leben", Forum Fasanenhof, und Manfred Bayer.

Da capo, Maestro!