Seit Ende des 4. Jahrhunderts ist die Kirchenjahreszeit „Quadragesima“, die als vorösterliche Bußzeit und nicht nur als Fastenzeit galt, allgemein bekannt. Sie dient der 40-tägigen Vorbereitung auf Ostern und dauert von Aschermittwoch bis zur Osternacht, da beim Fasten die Sonntage nicht gezählt werden. Diese österliche Bußzeit ist auch die Zeit für Exerzitien. Das Pilgerwesen gehörte zu den bedeutenden Phänomenen der mittelalterlichen Religiösität.


So begaben sich auch am Samstag, 7. März etwa 20 Menschen auf die Spuren mittelalterlicher Pilger durch Esslingen. Ausgangspunkt war die Neuapostolische Kirche in der Hindenburgstraße. Andreas Ostheimer und Jochen Späth führten in das Thema des Nachmittags ein.
Die Freie Reichsstadt Esslingen galt wegen ihres Reichtums lange Zeit als bedeutendstes Kunstzentrum Schwabens. In den Esslinger Kirchen gibt es über 400 Glasfensterscheiben, die im 13. und 14. Jahrhundert geschaffen wurden, in der Stadtkirche allein schon 218. In kaum einer anderen deutschen Stadt ist eine solche Fülle von Glasfenstern zu finden, nur Köln und Regensburg haben größere Bestände. Auch die Neuapostolische Kirche Esslingen beherbergt tatsächlich noch ein Glasfenster- allerdings aus dem Jahr 1935, in dem dieses Gotteshaus geweiht wurde. Die übrige reiche Ausstattung ging im Krieg und durch Renovierungen verloren. In einer Fensterrosette, die sich früher hinter dem Altar befand, sind die vier Evangelisten mit den jeweiligen Attributen angeordnet:
Der Adler als Sinnbild für Johannes, der Löwe für Markus, der Stier für Lukas und der geflügelte Mensch für Matthäus. Die vier Evangelisten gelten als Symbol für die Universalität der Christusbotschaft. Gleichzeitig wird durch ihre Vergegenwärtigung gerade in der Nähe des Altars, der Verkündigungsstelle im neuapostolischen Gottesdienst, die Präsenz der in den vier Evangelien niedergelegten Lehre Jesu sozusagen vor Augen geführt. Diesem bedeutungsvollen Schatz im Foyer der Kirche sollte man beim nächsten Besuch unbedingt Aufmerksamkeit schenken.
Bei herrlichem Sonnenschein, jedoch kalten Temperaturen, begann die Gruppe ihren
Spaziergang durch die mittelalterliche Altstadt Esslingens. Ziel war die Stadtkirche St. Dionys am Marktplatz, um die mittelalterlichen Fenster im Chorraum und die außergewöhnlichen Ausgrabungen unter der Kirche zu besichtigen.
Beim Betreten der Kirche fällt der Blick sogleich auf die beeindruckende Anzahl bunter Glasfenster im Chor der Kirche. Diese Glasgemälde zeigen einzigartige Einblicke in die Ordnung der mittelalterlichen Welt.
Im Zuge des Einbaus einer Fußbodenheizung (1960-1963) haben Archäologen eine unterirdische, über Jahrhunderte dauernde Bauabfolge des Kirchen- und Klosteranwesens entdeckt. Im Rahmen einer Führung des Stadtmuseums wurde Einblick in die Baugeschichte der Kirche gewährt. Aus einem kleinen Kirchengebäude entstand im Laufe der Jahrhunderte eine florierende Pilgerstätte und eine imposante Stadtkirche. Der erste Kirchenbau geht auf das 7- 8. Jahrhundert zurück. 759/768 wurde dort ein Mönchskloster, eine Außenstelle von St. Denis in Paris, errichtet. Die Kirche wurde mit Reliquien des Heiligen Vitalis ausgestattet. Im Schiff durften Mönche des Klosters beigesetzt werden. Eine Stollenkrypta erlaubte später den Pilgern den Zutritt zum Grab des Heiligen Vitalis. Eine Pilgerreise fand in der Berührung eines Heiligen seine Vollendung. Der Pilger hoffte so auf die Fürsprache des Heiligen vor Gott.
Bei beeindruckendem Glockengeläut verließ die Gruppe diese heilige Stätte.


Es ging wieder hinaus in das reale Leben – mancher verspürte bereits ein ganz irdisches Bedürfnis: Hunger! Jetzt stand die Fastenspeise auf dem Programm – Einkehren in die warme Stube des Marktplatzbesens. Es duftete nach schwäbischen Spezialitäten. Die meisten „Pilger“ entschieden sich für Maultaschen - die typischen schwäbischen „Herrgottsbscheißerle“.
Vielleicht interessieren sich noch mehr Menschen für ein intensiveres Kennenlernen der kirchlichen Jahresfeste. Bei der nächsten Veranstaltung in der Reihe „Lebendiges Kirchenjahr“ am 4. April steht die Passion - Leid und Mitleid – im Mittelpunkt. Herzliche Einladung!