Zum 5.Vortrag in der Reihe „Wissenschaft und Glaube“ konnten wir den Biologen und Psychologen Dr. Hansjörg Hemminger (Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Ev. Landeskirche) gewinnen. In seinem umfassenden Vortrag befasste er sich mit Argumenten der Gegner der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie. Er erläuterte, dass eine Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Schöpfungsglauben möglich ist, wenn die Bibel nicht fundamentalistisch verstanden wird. Dies komme dem Bibelverständnis der NAK nahe (UF 2009). In der anschließenden lebhaften Diskussion bekräftigte er seine Haltung sehr eindrücklich.


Zu Beginn seines Vortrags verwies Dr. Hemminger darauf, dass noch vor wenigen Jahrhunderten die Menschen noch nicht wie heute ein naturwissenschaftliches Weltbild haben konnten. So wurden z.B. die versteinerten Stielglieder von Seelilien, die man in Muschelkalk-Gegenden vielerorts auf den Äckern finden kann, als „Wichtelgeld“, „Sonnenrädchen“ oder „Bonifatiuspfennige“ bezeichnet. (Erst später wurden sie als über 200 Millionen Jahre alte Fossilien erkannt). Das Naturbild früherer Generationen war noch geprägt von Symbolen und Bildern. Die alten Erzählungen wurden dann aber allmählich im Zuge der Aufklärung durch möglichst objektive Naturerklärungen abgelöst. Nach Astronomen und Physikern wie Galilei und Newton sowie vielen anderen Naturforschern der Neuzeit war es Charles Darwin, der das Prinzip der Objektivierung auch in der Biologie einführte.
Seine wichtigsten Thesen, die er ab 1859 in mehreren Büchern veröffentlichte, waren:
1) Evolution vollzieht sich in sehr langen Zeiträumen durch die Veränderlichkeit der Arten in dieser langen Zeit.
2) Alle Lebewesen haben eine gemeinsame Abstammung.
3) Die natürliche Selektion ist der wichtigste Motor der Entwicklung der Lebewesen.

Im Laufe der letzten 150 Jahre  wurde die Evolutionstheorie immer weiter differenziert und mit den Erkenntnissen der modernen Genetik, Ökologie und Vererbungslehre zu einer sog. Synthetischen Evolutionstheorie vereinigt. Die Ergebnisse der Kosmologie und die chemischen Evolution stimmen damit überein, auch wenn im Einzelnen viele Fragen noch nicht endgültig geklärt sind. Ebenso fügt sich die Entwicklungsbiologie – also die Entwicklung einzelner Individuen – nahtlos ein. Somit ist die prinzipielle Richtigkeit der Evolutionstheorie erwiesen; sie hat eine enorme Erklärungskraft für immer mehr beobachtbare Phänomene. Allerdings sind viele komplizierte Einzelheiten in den modernen Naturwissenschaften oft nur Experten verständlich.
In der Diskussion um die weltanschauliche Bedeutung der Evolutionstheorie halten sich die meisten Naturwissenschaftler weise zurück, weil sie wissen, dass sie damit ihre wissenschaftliche Erkenntnisgrenzen überschreiten würden. Aggressive Religionskritiker wie Richard Dawkins missbrauchen die wissenschaftlichen Befunde, um vor allem den christlichen Glauben lächerlich zu machen. Der Mensch sei „nichts als“ ein Produkt von Naturprozessen. Andererseits gibt es auch christlich-gläubige Biologen, die mit aller Vorsicht versuchen, die Evolutionstheorie in Einklang mit dem christlichen Schöpfungsglauben zu bringen, z.B. Simon C. Morris in „Jenseits des Zufalls“.

Kreationisten und Bibelfundamentalisten sind aber mit einer solchen Naturbetrachtung nicht einverstanden. Dafür gibt es für sie hauptsächlich drei Gründe:
1) Die Universalgeltung der Heiligen Schrift ist nur zu retten, wenn man die Naturwissenschaft verwirft. Insbesondere der protestantische Fundamentalismus sieht vier Säulen des Glaubens in Gefahr:
a) Glaube an eine seit der Schöpfung konstante Welt
b) Glaube an eine in einem einzigen Akt erschaffene Welt
c) Glaube an eine von einem weisen und gütigen Gott entworfene, perfekte Welt
d) Glaube an die einzigartige Stellung der Menschen innerhalb der Schöpfung
In den 1910 bis 1915 erschienenen „The Fundamentals – a Testimony to he Truth“ wurde die Genesis als wortwörtlich gültiger  historischer Schöpfungsbericht festgehalten. Diese Haltung bestimmt weitgehend auch Haltung von evangelikalen Bibelfundamentalisten wie R.Junker und S.Scherer in „Evolution – ein Kritisches Lehrbuch“.
2) Das christliche Menschenbild als Letztbegründung für Ethik und Moral muss aufrecht erhalten werden.
Diese Haltung wird vorwiegend von katholischen Theologen wie Kardinal Schönborn vertreten. Die katastrophalen Auswirkungen eines Vulgär-Darwinismus in Verbindung mit Rassismus, Eugenik und Nationalsozialismus ist ihm Warnung genug.
3) Gottes Schöpfung sei vollkommen durchdacht von einem intelligenten Designer.
Die vor allem in Amerika sehr aktive Bewegung des Intelligent Design versucht wissenschaftlich einen teleologischen Gottesbeweis zu erbringen, nach Dr.Hemminger ein grundsätzlicher philosophischer Irrtum.

Nicht nur in christlich-fundamentalistischem Kontext ist der Kreationismus verbreitet, er treibt auch im islamischen Umfeld seine bizarren Blüten. Bestes Beispiel hierfür ist der Atlas der Schöpfung des türkischen Langzeit-Kreationisten Adnan Oktar, alias Harun Yahya. Mit solchen Islamisten ist kaum ein Gespräch zu führen, weil sie die Dekadenz und die Gottvergessenheit der westlichen Welt aufgrund der „darwinistisch-materialistischen Suggestionen“ anprangern und deren Unglauben mit diesem Atlas zerschmettern möchten.

Resumée: Die großen Schöpfungs-Erzählungen der Bibel sind mit der Naturwissenschaft in Einklang zu bringen, wenn die Bibel nicht wortwörtlich verstanden wird. Die reine Naturwissenschaft ihrerseits beschreibt bescheiden und immer nur vorläufig die gegebenen Dinge und Erscheinungen und will nicht das Ganze erfassen. Nur im Rahmen einer Naturphilosophie kann man (muss man aber nicht) die Schöpfung als von Gott geschaffen beschreiben (CREATIO EX NIHILO); der Schöpfungsprozess dauert an (CREATIO CONTINUA). Der Schöpfungsglauben darf nicht dogmatisch verengt werden. Gottesbeweise aus der Natur zu finden ist ein kategorialer Irrtum. Die Weisheit des Menschen besteht darin, seine eigene Torheit und Eitelkeit zu erkennen im Gegenüber zu Gott.

Für jeden Interessierten stehen weitere Unterlagen zu allen Vorträgen dieser Reihe zur Verfügung; sie können über die Kontaktadresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! angefordert werden. In einem Gesprächskreis (nächster Termin:28.10.2010) werden die Themen weiter diskutiert werden.